Uckermärkische Literaturgesellschaft e.V.
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Ehm Welk-Literaturpreis 2022

Maike Suter

Jakob und sein Heimatplanet

Paul

Müde blickt er auf den blinkenden Cursor. Wenn er nicht langsam in die Gänge kommt, wird er bald in ernsthaften Schwierigkeiten sein. Irgendetwas wird er abliefern müssen. Wenigstens einen Teil. Nur wie? Er versteht noch nicht mal, wo das Problem liegt, geschweige denn wie er es lösen soll.

Sein knurrender Magen erinnert ihn daran, dass er seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hat. Wenigstens dafür weiß er eine Lösung. Er steht auf und geht in die Küche. Wenn man allein lebt, ist es schwer, eine feste Struktur im Tagesablauf zu verankern. Die Versuchung, den Anker zu lichten und sich einfach treiben zu lassen, ist immer da.

Viel hat sein Kühlschrank nicht zu bieten. Das liegt aber nur daran, dass er vergessen hat, einzukaufen. Noch kann er sich alles leisten, was er braucht. Wer weiß, wie lange noch, denkt er.

Mit einem Sandwich in der Hand kehrt er zurück ins Arbeitszimmer und betrachtet den Schreibtisch. Der leere Bildschirm scheint ihn hämisch anzu­blicken.

Plötzlich kommt ihm das Zimmer unerträglich stickig vor. Mit ein paar Schritten ist er am Fenster und öffnet es. Atmet tief ein und aus. Ein, aus.

Ein. Es muss einen Weg geben.

Aus. Er wird ihn finden.

Lisa

Eine Stunde schon, denkt sie. Seit einer Stunde sitzt der kleine Kerl nun schon da und quält sich mit dieser Hausaufgabe. Sie ist versucht, ihm zu helfen, doch die Lehrerin sagt immer, das sei nicht gut. Die Kinder sollen ihre eige­nen Arbeitsmethoden entwickeln. Aber er tut ihr so leid!

Jetzt starrt er gedankenverloren vor sich hin, und sie würde zu gern wissen, was in seinem Kopf vorgeht. Er ist in letzter Zeit oft so still und in sich gekehrt.

Da ist es wieder – das Schuldgefühl. Sie müsste ihm eine bessere Mutter sein. Vielleicht ist sie einfach nicht gut darin. Obwohl sie sich wirklich bemüht. Manchmal jedoch spürt sie, dass er ihr entgleitet. Dass er ihr fremd wird. Es widerstrebt ihr, das Wort auch nur zu denken. Fremd – ihr eigenes Kind?

Jakob

Ratlos sitzt er an seinem Schreibtisch und starrt auf die leere Seite.

„Woher ich komme“.

Dieses Aufsatzthema wird sein Untergang sein. Morgen ist Abgabe. Die Lehrerin wird gleich zu Beginn der Stunde die Hefte mit der Hausaufgabe einsammeln, und er wird seines abgeben müssen wie alle anderen auch. Nur dass für seine Klassenkameraden diese Frage einfach zu beantworten ist: Jeder von ihnen weiß, wo er geboren ist, wo sein Leben begonnen hat. Jeder hat Wurzeln.

Und er? Sicher – inzwischen weiß auch er, woher er stammt, aber das muss ein Geheimnis bleiben. Er wird auf keinen Fall die Wahrheit schreiben können.

Wenn sie wüssten, denkt er. Seine Gedanken schweifen in die Vergangen­heit. Vor ungefähr einem Jahr fing es an. Da hat er herausgefunden, wer er wirklich ist. Nicht auf einmal, sondern Stück für Stück. Viele kleine Hinweise waren es, hier einer und da einer – und es dauerte lange, sie so zusammenzu­setzen, dass sie ein Bild ergaben: die Geschichte von Jakob, dem …

 

„… Alien!“ Er kann heute noch die höhnische Stimme von Robby in seinem Kopf hören. Robby hatte ihn noch nie leiden können, also musste „Alien“ eine Beleidigung sein. Das konnte Jakob sich denken. Zu Hause fragte er Papa, was es bedeutete, und erfuhr, dass es ein englisches Wort für „Außer­irdischer“ war. Er verstand eigentlich nicht, warum das ein Schimpfwort sein sollte. Doch er hatte an Robbys Tonfall gehört, dass der es so gemeint hatte. Dabei waren Außerirdische wirklich spannend. Oft genug waren sie den Men­schen sogar überlegen, es gab also keinen Grund, auf sie herabzuschauen. Aber Robby hielt sich ja immer für etwas Besseres, und er, Jakob, war nicht gut darin, jemandem Kontra zu geben. Er war sich auch nicht sicher, ob Robby und die anderen nicht vielleicht Recht damit hatten, auf ihn herabzu­sehen. Anders als sie war er auf jeden Fall. Er konnte sich nicht gut bewegen, und er war immer zu langsam. Das lag zum Teil daran, dass sein Körper zu klein und zu schwach war für sein Alter, aber auch daran, dass er zu viel nachdachte.

Immer diese Nachdenkerei! Sie kostete ihn zu viel Zeit. Deshalb zog er bei Streitereien meistens den Kürzeren, weil er zu lange brauchte, um seine Ant­wort fertig zu haben.

Das Schlimmste aber war sein Körper. Er war ungeschickt und hässlich.

„Missgeburt!“ – auch so ein Wort, dass Robby oft benutzte. Stimmte das – war er eine Missgeburt? Verkehrt? Unnormal?

 

Vielleicht war er das. Die Sache mit dem Alien aber nahm er damals noch nicht wirklich ernst.

Mit der Zeit kamen jedoch noch andere Indizien dazu. Zum Beispiel der Elternsprechtag. Vor einem Dreivierteljahr war das ungefähr. Mama sprach im Klassenraum mit der Lehrerin. Es war das letzte Elterngespräch des Abends, und alle anderen waren schon gegangen. Jakob wartete im leeren Flur auf sie. Ihm war langweilig, und die wie ausgestorben wirkende Schule hatte etwas Unheimliches. Er schlich zur angelehnten Tür des Klassen­zimmers und versuchte, die herausdringenden Gesprächsfetzen zu etwas Sinnvollem zusammenzusetzen. Sie waren nicht für ihn bestimmt, das wusste er. Aber die Tür war nun mal nicht geschlossen. Das war nicht seine Schuld. Also konnte er auch nichts dafür, wenn etwas zufällig in seine Ohren geriet.

Die Lehrerin sprach gerade. „Ich … Sorgen … Jakob … Auße…i…er … Rolle, die … nicht guttut …“

Dann hörte er die Stimme von Mama. Leise und ein bisschen verzweifelt: „… immer so … anders als … verschlossen … keine Ahnung, woher … mir nicht … woher …“

Jakob begriff, dass das ein bedeutsames Wort war. Es hatte mit ihm zu tun: „Woher“.

Doch da war noch ein anderes, mindestens genauso bedeutsames: „Auße…i…er“.

Es machte ihm keine Mühe, die Lücken zu füllen, denn auf dieses Wort war er erst vor kurzem gestoßen – als er Papa nach der Bedeutung von „Alien“ gefragt hatte. Nun begegnete es ihm zum zweiten Mal, und diesmal kam es von der Lehrerin.

Ein Außerirdischer – er? Glaubte die Lehrerin das?

Hatte sie vielleicht etwas von seiner Superkraft bemerkt? Er hatte sich bemüht, das so gut wie möglich zu verbergen, aber die Lehrerin bekam ja vieles mit, also konnte es schon sein. Auch eine Superkraft konnte ein Anzei­chen für eine außerirdische Herkunft sein. Sicher, Superkräfte kamen vor allem bei Superhelden vor – aber bei Außerirdischen eben auch. Manchmal.

 

Die Superkraft hatte er ganz zufällig entdeckt – in einer Unterrichtsstunde, als die Lehrerin vorne etwas erklärte. Es ging um etwas, das ihn nicht beson­ders interessierte. Irgendwas über Bäume oder Tiere „aus unserer branden­burgischen Heimat“, wie sie sagte. Heimat – damit konnte er noch nie etwas anfangen. Vielleicht, weil er dieses Gefühl nicht hatte – irgendwo hinzuge­hören.

Die Lehrerin redete also, und irgendwann achtete Jakob nicht mehr auf den Sinn ihrer Worte. Er nahm den Klang der Stimme auf, aber ohne einen Inhalt damit zu verbinden. Es gefiel ihm, sich auf die Melodie des Gesprochenen zu konzentrieren, und er stellte sich vor, dass es eine fremde Sprache war, die er nicht verstand. Dann versuchte er, anhand des Klanges herauszuhö­ren, was diese Wörter in einer ihm unbekannten Sprache wohl bedeuten könnten. Auf einmal konnte er es hören, das Ungesagte – klar und deutlich. Die Lehrerin erzählte in dieser fremden Sprache, versteckt hinter ihrem heimatkundlichen Vortrag, dass sie traurig war. Dass sie sich einsam fühlte und manchmal nutz­los, weil sie gerne ein Kind bekommen hätte, aber es hatte nicht geklappt. Jakob verstand nicht, wie so etwas nicht klappen konnte, aber er konnte spüren, dass es in der Lehrerin deshalb eine verwundete Stelle gab. Eine Art Leere, die nicht gut war. Ihr fehlte etwas, oder vielmehr jemand – jemand, für den sie wichtig war. Das war es: Sie fühlte sich unwichtig.

 

Seit diesem Tag passierte es ihm immer wieder, dass er Ungesagtes hörte. Wie damals im Sportunterricht, beim Fußball, als die Mannschaft seinet­wegen verloren hatte. Robby hatte den Ball zu ihm gespielt, und er hätte ihn einfach annehmen und ins Tor schießen sollen. Es war niemand in seiner Nähe gewesen, der ihn hätte aufhalten können. Doch er hatte nicht aufge­passt. Seine Gedanken waren ganz woanders gewesen. Der Ball war an ihm vorbei­gerollt, dann hatte die gegnerische Mannschaft ihn sich geschnappt – und gewonnen. Hinterher brüllte Robby ihn an. Sein Gesicht war rot vor Wut und Enttäuschung. Jakob sah, wie der Zorn aus Robbys Mund quoll, wie die Lippen scharfe, verletzende Worte formten, und er hörte auch die schrille, überschnappende Stimme. Es war ein hässlicher, gemeiner Klang, aber er nahm den Sinn der Worte nicht wahr. Stattdessen hörte er, wie Robby seine Verzweiflung darüber herausschrie, dass sein Vater ihn jedes Wochenende verprügelte, dass seine Mutter wie gelähmt vor Angst danebenstand und nichts tat, um ihn zu beschützen.

 

All diese Dinge brachten Jakob ins Grübeln. Er fing an, sich für Außer­irdische und Raum­schiffe zu interessieren. Im Fernsehen gab es manchmal Filme darüber. Nach und nach begann er, es für möglich zu halten. Es passte ja alles zusammen. Er war sich nur noch nicht ganz sicher. Bis die Sache mit Papa passierte.

Das war das letzte Puzzleteilchen, das ihm Gewissheit brachte. Es war kurz nach der Blind­darmoperation im Sommer. Jakob war schon seit Wochen wieder zu Hause, als der Bericht aus dem Krankenhaus kam. Ein ganzer Stapel Blätter, eng beschrieben mit unverständlichen Texten, dazu ein paar Fieberkurven und eine Tabelle mit Zahlen, über der „Laborbefund“ stand. Langweiliges Zeug, fand Jakob. Mama überflog die Seiten auch nur ganz kurz und legte sie auf den Couchtisch, um sie später abzuheften. Doch als Papa nach Hause kam, geschah etwas Merkwürdiges. Er nahm den Bericht, blät­terte darin herum und runzelte plötzlich die Stirn. Er hielt sich eine der Zahlentabellen dicht vor die Augen, schwieg für einen Moment, blickte von Mama zu Jakob, und dann sagte er ganz leise und seltsam ausdruckslos: „Jakob, geh bitte rauf in dein Zimmer.“

Jakob wusste sofort, dass es am besten war, nichts zu sagen. Er verließ den Raum und stieg möglichst langsam die Treppe hinauf, um vielleicht noch ein paar Sätze aufschnappen zu können. Zuerst hörte er nichts. Papa hatte die Wohnzimmertür zugemacht. Dann drangen einzelne Wörter zu ihm. „Blut­gruppe“ zum Beispiel, und „unmöglich“. Er bekam es mit der Angst zu tun. War etwas nicht in Ordnung mit ihm? Wieder fiel das Wort „woher“. Als er den Treppenabsatz vor seinem Zimmer erreichte, wurden die Stimmen lauter.

„A-Be!“, hörte er Papa rufen. „Ich habe A-Be! Wo kommt die verdammte Null her?“

Mamas Stimme klang etwas leiser. „Lass es mich doch erklären!“

„Was gibt es da noch zu erklären!“ Papa schrie jetzt.

Wenig später schrien beide. Jakob floh in sein Zimmer – floh vor dem Geschrei, vor all dem, was es bedeuten mochte und was jetzt geschehen würde.

In dem Augenblick, als er die Tür hinter sich zuwarf, hörte er noch, wie Papa brüllte: „Ein Kuckuckskind!“

 

In den darauffolgenden Tagen wurde zu Hause noch sehr viel geschrien. Es wurde lauter und lauter, bis es irgendwann wieder leiser wurde. Immer leiser, bis eine Stille eintrat, die schlimmer war als alles zuvor.

Zwei Wochen später zog Papa aus.

Mit ihm verschwanden Jakobs letzte Zweifel. Es musste ein Schock für Papa gewesen sein, Jakobs Blutwerte vor sich zu haben und schwarz auf weiß zu sehen, dass das Kind, das er für sein eigenes gehalten hatte, kein Mensch sein konnte. Anscheinend hatte er davon nichts gewusst, und mit der Neuig­keit, dass er ein außerirdisches Kind unter seinem Dach hatte, war er nicht zurechtgekommen. Das konnte Jakob verstehen.

Jetzt ergab alles einen Sinn. „Kuckuckskind“ bedeutete, dass er auf die Erde gebracht worden war, als er noch ganz klein war, und Mama und Papa irgendwie untergeschoben worden war. Wobei: Mama musste es natürlich gewusst haben. Sie hatte ja auch nicht so überrascht über den „Laborbefund“ gewirkt wie Papa. Vielleicht hatte sie nichts verraten dürfen. Sicher gab es einen guten Grund, seine Herkunft geheim zu halten. Den würde er schon noch heraus­bekommen.

Kurz darauf kam ihm dann der Einfall mit Robby und der Lehrerin. Heute weiß er, dass es eine dumme Idee war, aber damals schien es ihm die perfekte Lösung für alle zu sein. Robby war unausstehlicher denn je, und die Lehrerin hatte immer noch diese schmerzhafte Leere in ihrem Innern. Es musste etwas geschehen.

 

Als er Robby eines Tages in der großen Pause allein auf einer Bank in der hinteren Ecke des Pausenhofes sitzen sah, näherte er sich ihm zaghaft.

„Verzieh dich, Alien!“ Robby blickte ihn mürrisch an. An seinem Oberarm prangte ein schillernder blauer Fleck.

Jakob schluckte. „Du, hör mal … ich hab über was nachgedacht.“

„Erzähl’s jemandem, den es interessiert.“

„Wenn irgendwas ist – also, zum Beispiel, wenn es einem nicht gut geht. Oder wenn es was gibt, was man normalerweise keinem erzählt. Dann wird es immer schlimmer, bis man es viel­leicht doch jemandem erzählt. Aber den meisten Leuten kann man ja nichts erzählen. Bloß …“ Das war schwieriger, als er gedacht hatte. Er ließ seinen Blick über den Hof schweifen und erblickte die Lehrerin. Anscheinend hatte sie die Pausenaufsicht. „Manchmal geht es eben doch. Ich meine, wenn man jemanden kennt, der anders ist. Einen Erwachsenen, der zuhört und einen nicht in die Pfanne haut. Weißt du, was ich meine?“

Robbys Augen verengten sich. „Was redest du da, Schwachkopf?“

„Überleg doch mal.“ Jakob nickte zur Lehrerin hinüber. „Also ich würde zu ihr gehen. Ich meine, wenn ich in irgendwelchen Schwierigkeiten wäre. Sie weiß doch immer, was zu tun ist. Na ja, das heißt, wenn ich mich trauen würde, würde ich zu ihr gehen. Vielleicht hätte ich auch zu viel Angst. Ich bin ja nicht so mutig. Leider.“

Robby verdrehte die Augen, aber zumindest kamen keine Beleidigungen mehr. Später, als die letzte Stunde vorbei war und alle fröhlich lärmend aus dem Klassenzimmer stürmten, sah Jakob aus dem Augenwinkel, wie Robby, der auffallend lange zum Einpacken gebraucht hatte, verstohlen nach vorne zur Lehrerin schaute und über etwas nachzugrübeln schien.

Auf dem Heimweg musste Jakob plötzlich an seinen Heimatplaneten denken. Dass er sich noch nie gefragt hatte, wie es dort war! Er begann, ihn sich auszumalen. Auf jeden Fall wurden dort keine Kinder geschlagen, so viel stand fest. Jeder, der Kinder mochte und sich welche wünschte, bekam auch welche. Wenn trotz allem mal ein Kind in Schwierigkeiten geriet, dann wurde ihm sofort geholfen. Das war es, dachte er. Deshalb war er hier. Bestimmt war er dort aus irgendeinem Grund in Gefahr gewesen, und seine leiblichen Eltern hatten ihn hierher auf die Erde gebracht, um ihn in Sicherheit zu bringen.

 

Wenige Tage später verschwand Robby. Von einem Tag auf den anderen kam er nicht mehr in die Schule, und die Kinder tuschelten auf dem Schulhof. Jemand erzählte, das Jugendamt habe ihn abgeholt und fortgebracht. Jakob hatte keine Ahnung, was ein Jugendamt war. Ob das etwas Gefährliches war? Ihm war elend zumute. Das war jetzt schon der zweite Mensch, der seinet­wegen verschwunden war. Zuerst Papa, der es mit ihm nicht mehr ausgehal­ten hatte, und nun Robby. Denn auch wenn er nicht genau wusste, was mit seinem Klassenkameraden passiert war – dass es auf irgendeine Weise mit ihm und seiner Idee zu tun haben musste, war klar. Natürlich hatte er das nicht gewollt. Er hatte alles ganz anders geplant: Die Lehrerin sollte ver­stehen, wie schlimm es für Robby zu Hause war und wie wichtig es war, dass sie jetzt für ihn da war. Am besten wäre gewesen, wenn sie ihn adoptiert hätte. Dann hätte Robby es gut gehabt, die Lehrerin wäre froh gewesen, und er, Jakob, hätte nicht mehr so oft Robbys schlechte Laune ausbaden müssen.

Wie gesagt, ein blöder Plan. Obwohl – vielleicht hätte er sogar funktio­niert, wenn das Jugendamt nicht dazwischengekommen wäre. Zumindest weiß er inzwischen, dass das nichts Schlimmes ist. Julia aus seiner Klasse hat es ihm kurz nach Robbys Verschwinden erklärt, und die wusste es von ihrem großen Bruder: Das Jugendamt war da, um Kindern zu helfen, und wenn es sein musste, brachten sie ein Kind irgendwohin, wo es in Sicherheit war.

Kurz danach hatte er den Traum zum ersten Mal. Seitdem hat er ihn so oft geträumt, dass er jedes Detail davon in- und auswendig kennt:

 

Er fliegt in einem Raumschiff durchs All und schaut aus einem Fenster. Drau­ßen funkeln Milliarden von Sternen. Neben ihm sitzt sein Vater. Sein richtiger Vater. Er ist Kapitän des Schiffs, die ganze Mannschaft hört auf sein Kom­mando. Dann landen sie auf einem großen, dunklen Feld. Sie steigen aus, und der Vater sagt: „Das ist die Erde!“

Es ist Nacht. Alle Sterne sind jetzt hoch über ihnen. Der Mond taucht das Raumschiff in ein weiches Licht. Es glänzt silbern, und an der Seite kann man einen Schriftzug erkennen: „Jugendamt“ steht dort in großen, schwarzen Buchstaben.

Liebevoll blickt sein Vater ihn aus seinen drei Augen an und legt ihm eine grüne, schuppen­besetzte Hand auf die Schulter. „Mein Junge“, sagt er zärt­lich. „Es wird nicht lange dauern, das verspreche ich dir. Sobald es zu Hause wieder sicher für dich ist, kommen wir und holen dich zurück. Halte durch!“

Jakob schaut an seinem Körper herab und bemerkt, dass er eine seltsame, fremde Gestalt angenommen hat.

„Das muss sein“, erklärt sein Vater. „Du musst aussehen wie ein Mensch. Sonst kannst du nicht unter ihnen leben. Niemand darf von deinem Geheimnis erfahren, hörst du! Niemand!“

Dann umarmt er Jakob und steigt wieder in das Raumschiff. Plötzlich wird es gleißend hell. Ein Brausen ertönt, wird lauter und lauter. Das Schiff hebt ab, steigt in die Höhe und ist in Sekundenschnelle verschwunden. Jakob steht allein auf dem Feld, doch nach wenigen Augen­blicken löst sich eine Gestalt aus der Dunkelheit und läuft auf ihn zu. Es ist Mama. Je näher sie kommt, desto kleiner wird Jakob, immer kleiner – bis sie bei ihm ist, ihn in ihre Arme nimmt und langsam mit ihm davongeht. Er ist ein Baby.

 

Seit Papas Auszug war das Leben für ihn und Mama schwieriger geworden. Besonders für Mama. Sie hatte jetzt immer so einen Schatten im Gesicht, und er konnte sehen, dass sie sich Sorgen machte. Manchmal bekam sie Besuch von ihren Freundinnen. Dann saßen die Frauen am Küchentisch und redeten über komplizierte Dinge, die er nicht verstand. Es fielen Worte, von denen etwas Dunkles, Verzweifeltes ausging. Das spürte er. Worte wie „Vater­schaft“, „Aufenthaltsort“, „unauffindbar“, „Hartz Vier“, „Unterhaltsvor­schuss“ – und dann, eines Tages: „Jugendamt“.

Jakob spitzte die Ohren.

Als Mama ihn an diesem Abend ins Bett brachte, fragte er: „Holen sie mich jetzt bald ab?“

Für einen Moment starrte Mama ihn mit einem merkwürdigen Ausdruck an. Dann umarmte sie ihn ungestüm. „Mein kleiner Schatz! Mach dir keine Sorgen, hörst du! Du brauchst keine Angst zu haben. Wir bekommen das alles hin! Versprochen!“

„Natürlich“, antwortete er ein bisschen verwundert, denn er hatte keine Angst. Dass man ihn irgendwann wieder abholen würde, war doch klar, darauf war er vorbereitet. Und er wünschte sich für Mama, dass es bald geschehen würde. Schließlich hatte sie all diese Sorgen ja, weil Papa gegan­gen war. Aber Papa liebte Mama doch und war nur deshalb ausgezogen, weil sein Kind sich als Außerirdischer entpuppt hatte. Bestimmt würde er zurück­kommen, wenn Jakob nicht mehr da war.

Ganz so schnell ging es dann allerdings doch nicht. Die Freundinnen kamen und gingen, Mama schrieb Briefe, füllte Formulare aus, telefonierte, machte sich daran, „ihr Leben neu zu ordnen“, wie sie es nannte. Zwischen­durch kümmerte sie sich um Jakob, und irgendwie beka­men sie tatsächlich alles einigermaßen hin.

Währenddessen wartete Jakob darauf, dass etwas geschah. Dass man ihn wieder zurück in seine Welt holte.

Er wartete und wartete.

 

Bis heute.

Seine Gedanken sind wieder in der Gegenwart angekommen. Das leere Aufsatzheft scheint ihn hämisch anzublicken. „Woher ich komme“ – er hat keine Ahnung, was er schreiben soll. Natürlich könnte er etwas erfinden. Irgendwas Normales. So wie das, was seine Klassenkame­raden schreiben werden. Von ihrem Leben hier im Dorf, von ihren Eltern und Geschwistern. Doch alles in ihm sträubt sich dagegen. Er kann einfach nicht gut lügen. Man merkt es ihm sofort an, und er fühlt sich unwohl dabei.

Schließlich nimmt er seinen Stift und schreibt.

 

„Woher ich komme.

Dazu gibt es nicht viel zu schreiben. Es ist ein Ort wie jeder andere. Da wurde ich geboren. Es ist nichts Besonderes daran. Und ich bin auch nichts Beson­deres.“

Lisa

Vielleicht sollte sie ihm doch ein bisschen auf die Sprünge helfen. Das Thema ist sicherlich schwierig für ihn, jetzt nach der Trennung. Es ist alles so blöd gelaufen. Wenn sie wenigstens mehr Zeit für ihn hätte. Wenn nur diese ewigen Geldsorgen nicht wären!

Die Affäre damals war ein riesiger Fehler. Das hatte sie schon begriffen, als sie merkte, dass sie schwanger war. Schon da fühlte es sich falsch an. Deshalb hat sie den Kontakt zu Jakobs leiblichem Vater abgebrochen, ohne ihm von der Schwangerschaft zu erzählen. Es schien das Beste zu sein. Jetzt ist er wie vom Erdboden verschluckt. Ausgewandert, niemand weiß wohin – und sie steht allein da. Allein mit Jakob.

Sie wirft einen verstohlenen Blick über seine Schulter, überfliegt die wenigen Sätze, die er geschrieben hat, und seufzt leise.

Das ist es wohl, was die Lehrerin beim letzten Elternsprechtag mit dieser Bemerkung über sein Sprachvermögen meinte, die sie ganz zum Schluss gemacht hat.

Sie erinnert sich noch gut an das Gespräch. Zuerst haben sie über Jakobs Probleme mit seinen Mitschülern gesprochen.

„Er kann nicht mit den anderen Kindern umgehen“, hat die Lehrerin erklärt. „Möglicher­weise fehlt es ihm an Einfühlungsvermögen, sodass er sich nicht vorstellen kann, was in ihnen vorgeht. Vielleicht sondert er sich deshalb so ab. Ich mache mir Sorgen um Jakob. Er ist zu einem Außenseiter geworden. Das ist eine Rolle, die ihm nicht guttut.“

Dann kam sie auf seine Ausdrucksfähigkeit zu sprechen. „Er gibt nichts von sich preis, weder im Gespräch noch schriftlich. Ich weiß nicht, was ihn so hemmt, aber meiner Meinung nach braucht er viel Förderung im sprachli­chen Bereich. Wenn er lernt, sich differenzierter auszudrücken, kann ihm das enorm dabei helfen, sein kreatives Potenzial zu entwickeln. Seine Fantasie. Und was könnte es Wichtigeres für ein Kind in seinem Alter geben als Fantasie?“

Paul

Der Straßenlärm dringt durchs offene Fenster in sein kleines Apartment.

New York, denkt er. Einen größeren Kontrast zu dem brandenburgischen Provinznest, aus dem er vor Jahren hierher geflüchtet ist, kann man sich nicht vorstellen. Und jetzt? Wenn er ehrlich ist, hat ihn die Ruhelosigkeit von damals längst wieder eingeholt. Heimisch fühlt er sich auch hier nicht. Viel­leicht kann er einfach dieses Gefühl nicht entwickeln: irgendwo hinzuge­hören.

Sein Verleger in Deutschland hat einmal gesagt, es sei genau diese innere Heimatlosigkeit, die ihn dazu treibe, Science-Fiction zu schreiben. Weil es ihm auf seinem eigenen Planeten bisher nie gelungen sei, Wurzeln zu schla­gen, sei er unbewusst immer auf der Suche nach neuen Welten.

Vielleicht stimmt das. Aber Paul mag gerade nicht an den Verleger denken. Denn dann fällt ihm der nahende Abgabetermin wieder ein.

Er hat noch immer keine Ahnung, was er schreiben soll. Ist sie das jetzt – die berüchtigte Schreibblockade? Eigentlich hat er das immer für Blödsinn gehalten, aber vielleicht gibt es so etwas ja tatsächlich. Dabei ist es bisher so gut gelaufen! Er hat sich einen Namen gemacht in der Science-Fiction-Szene. Seine Bücher verkaufen sich. Bis jetzt zumindest. Und das, obwohl er sich bis heute hartnäckig geweigert hat, sein Pseudonym zu lüften.

Keine Interviews, keine Fotos – kein Paul mehr! Er wollte damals noch einmal ganz von vorn anfangen. Dafür wanderte man schließlich aus. Nichts sollte aus seinem früheren Leben herüberschwappen in diese neue Existenz, die er sich so gewünscht hatte. Alle Brücken hinter sich abzubrechen war eine Befreiung. Mit Feuereifer stürzte er sich in seine Geschichten, erschuf Planeten, Technologien und Lebensformen. Er spürte, dass er in seinem Element war.

Jetzt aber fühlt sich all das auf einmal unecht an. Verlogen fast – und er kann nicht gut lügen, er ist nicht überzeugend dabei. Alles in ihm sträubt sich dagegen.

Doch da ist noch etwas anderes, schwer zu Greifendes. In letzter Zeit ist ihm, als gäbe es irgendwo etwas, das ihn angeht. Etwas Wichtiges. Auch wenn er keine Ahnung hat, was das sein könnte.

Seitdem erscheint ihm die Beschäftigung mit seinen erfundenen Galaxien als eine ungeheure Zeitverschwendung. Was, wenn es doch etwas – oder jemanden – gäbe, zu dem er gehört? Nicht irgendwo im Weltraum, sondern hier auf der Erde?

Er seufzt. Diese Gedanken führen zu nichts, das weiß er.

Lustlos setzt er sich wieder an den Schreibtisch und scrollt durch seine Textdatei. Ganz nach oben, zum Deckblatt, auf dem nur sein Pseudonym und der Arbeitstitel stehen. Für einen kurzen Moment zögert er, dann löscht er das Pseudonym und ersetzt es durch seinen alten – seinen richtigen – Namen. Nur spaßeshalber. Natürlich.

Was würde wohl passieren?, denkt er. Wäre das überhaupt möglich? Könnte er wieder Paul sein? Einfach so? Irgendwann würde jemand, der ihn von früher kennt, in Deutschland in eine Buchhandlung spazieren und ein Buch mit seinem Namen darauf entdecken. Und dann? Sobald der Deich an einer Stelle gebrochen wäre, würde er sehr schnell komplett einstürzen. Sein altes und sein neues Leben würden ineinanderfließen und sich miteinander vermischen … vielleicht würde dabei sogar auf irgendeine Weise das feh­lende Puzzleteilchen in seinem Leben auftauchen …

Mit zusammengekniffenen Augen betrachtet er den Bildschirm. Plötzlich hat er Lust, etwas ganz Neues anzufangen. Eine neue Geschichte, mit einem neuen Titelhelden. Wenn man in einer Sackgasse gelandet ist, muss man zurück an den Ausgangspunkt gehen und eine andere Richtung einschlagen.

Er löscht den Titel – und dann, ohne nachzudenken, ohne zu wissen warum, schreibt er:

 

„Jakob und sein Heimatplanet“

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Bildquelle Titelzeile : ©shutterstock, Bildnummer : 5552788, Autor : Michelle D. Milliman ©Uckermärkische Literaturgesellschaft e.V.